In der Deichman Biblo Tøyen geben Kinder den Ton an

Blog 07 Feb 2023

Die in Oslo ansässige Jugendbibliothek Deichman Biblo Tøyen ist eines der am euphorischsten gefeierten und am meisten ausgezeichneten includi-Projekte. Das Ziel der Biblo ist es, einen Dritten Ort für Jugendliche zu schaffen, der sie sowohl zu aktiven Mitwirkenden als auch zu Nutzern der Bibliothek macht. Inwieweit ist dieser Versuch gelungen? In einer umfassenden Studie von Vold und Evjen (2016 – 2018) geben die jungen Bibliotheksnutzer zwischen 9 und 12 die Antwort darauf.

Nach Ansicht der jungen Nutzer der Bibliothek verdankt die Biblo ihren Erfolg dem speziellen Design, das zufällige Begegnung und Interaktion ermöglicht, sowie dem ausgiebigen Kontakt mit den Mitarbeitern und der Vielfalt der Aktivitäten, die es den Jugendlichen ermöglichen, sich einzubringen und Verantwortung in der Bibliothek zu übernehmen. „Das Gefühl, willkommen zu sein, eine Atmosphäre der Vertrautheit und das Wissen, dass Engagement wertgeschätzt wird – all das gehört zum einzigartigen Erfolgsrezept dieser preisgekrönten Jugendbibliothek“, erklärt Amy Goedhart, Researcher bei includi. 

Eine Bibliothek für die Jüngsten, von den Jüngsten

Die Mehrheit der Bibliotheken legt besonderen Wert auf die Bereitstellung von Angeboten für Jugendliche, konzentrieren sich dabei jedoch traditionell eher auf Bücher und Leseaktivitäten. Bei der Biblo liegt der Schwerpunkt darauf, einen allgemeinen Dritten Ort (Oldenburg 1989) der Begegnung für Kinder zu schaffen und sie zu aktiven Mitwirkenden und Nutzern zu machen. In der Studie der Forscher Vold und Evjen (2016 – 2018) werden junge Bibliotheksnutzer (im Alter von 10 – 15 Jahren) dazu aufgefordert, ihre Ansichten über die Bibliothek anhand einer aufgabenorientierten Methodik zu teilen. In diesem Blogbeitrag werden die Highlights einer Sekundäranalyse von Vold und Evjen (2020) vorgestellt: „Was diese Untersuchung einzigartig macht, ist ihr Ziel, die Perspektive der Kinder tatsächlich zu verstehen. Der Blick aus der Nutzerperspektive fördert immer wieder überraschende Erkenntnisse zutage. Ich glaube, wir können viel von der Methodik und den Schlussfolgerungen dieser Studie lernen“, sagt Amy Goedhart.

In der Studie von Vold und Evjen arbeiteten die Forscher mit einem aufgabenzentrierten Ansatz, um die jungen Teilnehmer im Zuge der Datenerhebung in Aktivitäten einzubinden, die sich an ihren Stärken und Kompetenzen orientieren. Zu Beginn der Untersuchung kochten sie sechs Wochen lang mit den Kindern in der Gemeinschaftsküche der Bibliothek. Dadurch wurde eine Grundlage geschaffen, die den Teilnehmern dabei half, den allgemeinen Kontext der Studie zu verstehen und Vertrauen aufzubauen – was den Jugendlichen wiederum ermöglich sollte, eine fundierte Entscheidung über die Teilnahme an der Studie zu treffen.

Schließlich gaben die Forscher zwölf Kindern mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichem Grad an Vertrautheit mit der Bibliothek eine Polaroidkamera. Sie baten sie dann, Fotos von Bereichen zu machen, die sie bevorzugten, oder von etwas, das ihre Lieblingsbeschäftigung in der Biblo repräsentierte.

Anschließend besprachen sie die Bilder mit den Kindern, um ein besseres Verständnis für ihre Vorlieben und Abneigungen in Bezug auf die verschiedenen Programmelemente und Aktivitäten zu gewinnen, die die Bibliothek zu bieten hat.

7 wichtige Bestandteile einer erfolgreichen Jugendbibliothek

Was können Bibliothekare, Bibliotheksentwickler und Stadtplaner nach Meinung der jungen Besucher der Biblo Tøyen lernen?

  1. Beziehen Sie die Nutzer in die Entwicklung der Bibliothek ein. Geben Sie ihnen von Anfang an das Gefühl, dass die Bibliothek ihnen gehört. Wir sollten uns jedoch bewusst sein, dass sich Ergebnisse nicht eins zu eins reproduzieren lassen, Prozesse jedoch schon. 
  2. Keine Einrichtung oder Angebot kann allen gerecht werden. Während einige Kinder die Biblo womöglich zu formell und ruhig finden, wird genau diese Atmosphäre sehr wahrscheinlich der Hauptgrund sein, warum wieder andere die Bibliothek lieben lernen. Das zeigt nur, dass eine Bibliothek niemals der einzige Ort der Begegnung für Kinder in einer Gemeinde sein sollte.
  3. Setzen Sie auf Berechenbarkeit. Der Erfolg der Biblo könnte unter anderem darin begründet sein, dass die vielen speziellen Regeln der Einrichtung gut kommuniziert, verstanden und anerkannt werden. So ist es den Stammgästen leicht möglich, Neulinge in die Nutzung der Einrichtung einzuführen. Die Kinder wissen, was sie zu erwarten haben, und wissen dies zu schätzen. 
  4. Autonomie und Freiheit sind entscheidend für die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls zur Bibliothek. Die Kinder haben nicht den Eindruck, dass die Erwachsenen ihnen ein bestimmtes Kultur- oder Bildungsprogramm aufzwingen wollen. Sie betrachten den Raum als offen für ihre freie Nutzung, als einen Ort, an dem sie tun und lassen können, was sie wollen. Die Kinder schätzen diese Autonomie und reagieren sehr empfindlich, wenn sie eingeschränkt wird; wenn sie in ihren Aktivitäten zu sehr behindert werden, kommen sie nicht mehr. 
  5. Ein optimaler öffentlicher Raum bietet die Möglichkeit zur Diskussion, aber das bedeutet nicht, dass dies in der Regel geschieht oder von den Nutzern gewünscht wird. Als öffentlicher Raum für Kinder ist die Biblo einerseits vertraut und einladend, andererseits aber auch ein Ort, an dem man Fremden begegnet. Sowohl die Personalbesetzung als auch das Gebäudedesign tragen zu dieser Balance bei.
  6. Eine moderne Bibliothek ist nicht nur reine Bücherkollektion, sondern sollte auf aktive Begegnung setzen. Die räumliche Gestaltung der Biblo hat den Schwerpunkt der Einrichtung von einer reinen Bücherkollektion hin zu Aktivitäten und Begegnung verschoben (Vold und Evjen 2015). Die Mitarbeiter sind keine Bibliothekare und konzentrieren sich nicht unbedingt auf die Vermittlung von Literatur und Lesen, unter anderem, weil sie wissen, dass viele der Kinder keine enthusiastischen Leser sind (Evjen und Vold 2018). Daher ist es umso bemerkenswerter, dass viele der Kinder auf die Regale zusteuerten, als sie gebeten wurden, zu fotografieren, was ihnen an der Biblo besonders gefällt. Sie gaben in den Interviews an, dass sie dies taten, weil sie gerne lesen. Das Konzept scheint also indirekt die Begeisterung der Kinder für Bücher zu steigern, anstatt sie ihnen aufzuzwingen.
  7. Öffentliche Bibliotheken vermitteln ihren Nutzern ein Gefühl von Selbstwert (Klinenberg 2018). Diese Perspektive ist für die Kinder in der Biblo in mancher Hinsicht relevant. Auch wenn man es ihnen nicht unbedingt ansieht, haben einige von ihnen möglicherweise Ausgrenzung durch die (erwachsene) Gesellschaft erfahren. Einige wurden vielleicht als laut wahrgenommen, fühlten sich als älter werdende Kinder zunehmend fehl am Platz und sahen sich mit der Art von Voreingenommenheit konfrontiert, mit der sich auch erwachsene Migranten und wirtschaftlich weniger stabile Menschen regelmäßig auseinandersetzen müssen. Die Art und Weise, wie die Kinder über die Bibliothek sprachen und sie manchmal sogar als „die beste Bibliothek der Welt“ bezeichneten, zeigt uns, dass die Kinder sich in der Biblo willkommen, zu Hause und wie Miteigentümer ihrer Bibliothek fühlen.

Demokratische Bibliotheken

Die Verbindung zwischen Bibliotheken und dem demokratischen Ideal ist in der Biblo Tøyen fest etabliert. Bibliotheken ermöglichen den Zugang zu Informationen und kulturellen Produkten, die es der Öffentlichkeit ermöglichen, an der Gesellschaft teilzuhaben. „In den letzten Jahren spielen öffentliche Bibliotheken eine zunehmend wichtigere Rolle bei der Stärkung der Demokratie durch die direktere Einbindung von Nutzern aller Altersgruppen. Während alle Bibliotheken versuchen, in irgendeiner Form kindergerecht zu sein, wurde die Biblo Tøyen ausschließlich für Kinder entwickelt, mit dem Ziel, sie nicht nur zu Nutzern, sondern auch zu aktiven Mitwirkenden der Bibliothek zu machen. Dies macht die Deichman Biblo Tøyen zu einem relevanten und einzigartigen Bestandteil im demokratischen Prozess, wie die Untersuchungen von Vold und Evjen zeigen“, betont Amy Goedhart. Die Biblo hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten und genießt ein hohes Ansehen in der Bibliotheksbranche, weil sie einen multifunktionalen Bibliotheksraum für Kinder geschaffen hat. Die Demokratie gehört den Menschen. Daher sind wir bei includi stolz darauf, die Entwicklung einer Einrichtung ermöglicht zu haben, die ganz den kleinen Menschen gehört.

Die Biblo auf den Punkt gebracht: Eine etwas andere Jugendbibliothek

Die Deichman Biblo Tøyen befindet sich in Tøyen, einem innerstädtischen Stadtteil von Oslo, der einen raschen Gentrifizierungsprozess durchläuft. Dieses Gebiet ist auch für bestimmte soziale Probleme bekannt, unter anderem für Kinderarmut. Im Rahmen der Bemühungen der Stadt, das Gebiet für seine Bewohner aufzuwerten, wurde die Deichman Biblo Tøyen geschaffen. Die Jugendbibliothek befindet sich an einem öffentlichen Platz des Stadtteils, in der Nähe von Cafés, Restaurants und Sozialämtern gelegen. Die „erwachsene“ Schwesterbibliothek Deichman Toyen ist nur einen Katzensprung entfernt. Erfahren Sie hier mehr über die Biblo Tøyen.

Über die Studie

Das Buch „Libraries, Archives and Museums as Democratic Public Spaces in a Digital Age“ (Herausgeber: de Gruyter Saur, 2020) enthält eine Analyse der norwegischen Forscher Tonje Vold (Universität Oslo) und Sunniva Evjen (Oslo Metropolitan University): ‘Being, Learning, Doing: a Palace for the Children? – A Tween’s Library seen from the User’s Perspective.’ Der Artikel untersucht den Aspekt der stärkeren Nutzereinbindung in einer Kinderbibliothek unter Bezugnahme auf die Deichman Biblo Tøyen, die ausschließlich für Kinder zwischen zehn und fünfzehn Jahren konzipiert und zugänglich ist. Die in diesem Blogartikel zusammengefasste Analyse ist Teil einer umfassenderen Studie.

Fotografie: Marco Heyda, Jan Willem van Bruggen
Video: Marco Heyda